»Beschränkt den Arbeitskampf nicht auf den Betrieb«

Prekär Beschäftigte des Botanischen Gartens Berlin haben Tarifvertrag erkämpft.

Gespräch mit Ronald Tamm

Interview: Wladek Flakin, junge Welt 6.12.2016

Artikel in der jW

 

Nach 35 Monaten Arbeitskampf haben Sie einen Tarifvertrag erstritten. Vergangenen Donnerstag hat das Unternehmen unterschrieben. Wie fühlt sich das an?

Erstmal ein wenig unwirklich. Zuviel wurde in den vergangenen Jahren getan, um die Arbeiter zu verunsichern. Aber jetzt machen wir einen großen Schritt in Richtung »gleicher Lohn für gleiche Arbeit«. Nach Jahren des Lohndumpings ist es ein gutes Gefühl, nicht ständig nachrechnen zu müssen, ob ich diesen Monat zum Jobcenter gehen muss, um aufzustocken. Für mich als Familienvater bedeutet es auch, dass ich jetzt Urlaub mit meinen zwei Kindern machen kann.

Was bringt der Tarifvertrag?

In der Tochterfirma haben wir bis zu 40 Prozent weniger verdient als die Kollegen, die direkt beim Garten eingestellt sind. Unsere Löhne werden jetzt auf 80 Prozent des Tarifniveaus erhöht. Und bis 2019 sollen wir 100 Prozent bekommen. Das Wichtigste ist diese Lohnerhöhung – auch wenn das etwas unromantisch klingt. Unsere Löhne waren so niedrig, dass wir nun endlich angestaute finanzielle Dinge erledigen können. Aber es ist nicht nur ein materieller Erfolg. Während des Arbeitskampfes haben wir uns auch verändert. Im Garten sind 145 Beschäftigte, aber die verteilen sich über 43 Hektar. Bei den Streiks sind wir sehr zusammengerückt.

Die »Betriebsgesellschaft« am Botanischen Garten, die zur Tarifflucht gegründet wurde, ist kein Einzelfall. Viele Berliner Landesunternehmen, z. B. auch die Krankenhäuser, nutzen solche Konstruktionen. Wie haben Sie es geschafft, Tariflöhne zu erkämpfen?

Allein war es nicht möglich. Wir bekamen viel Solidarität von Unterstützern. Zum Beispiel vom gewerkschaftlichen Aktionsausschuss »Keine prekäre Arbeit und tariffreie Bereiche im Verantwortungsbereich des Landes Berlin« oder von der »Berliner Aktion gegen Arbeitsunrecht«.

Der Garten gehört zur Freien Universität, und der Personalrat und die Studierendenvertretung dort haben uns unterstützt. Viele Kollegen haben bei jedem Wetter mit uns demonstriert und das Land Berlin an seine Verantwortung erinnert. Die Öffentlichkeit haben wir immer eingebunden. Bei großen Events im Garten haben wir immer Tausende Flyer verteilt. Manche Unterstützer haben diese Events auch mit Protesten gestört. Und auch die Gewerkschaft hat sich mit aller Kraft eingesetzt.

Heutzutage werden Belegschaften aufgesplittet und Gewerkschaften geschwächt. Es gibt eine regelrechte Industrie, die darauf spezialisiert ist, gewerkschaftliche Arbeit zu verhindern. »Union Busting« nennt sich das. Und dagegen reichen nicht nur normale gewerkschaftliche Aktionen. Wir brauchen auch einen breit angelegten Unterstützerkreis.

Die Gegenseite hat Ihnen vorgeworfen, einen »besonders nervigen« Arbeitskampf zu führen. Können Sie ein Beispiel nennen, das für solche Einschätzungen gesorgt hat?

Wir hatten besondere Freude daran, Politiker auf Veranstaltungen aufzusuchen und uns zu Wort zu melden. Wir wollten niemand nerven. Aber es kann sein, dass einige Verantwortliche im Unternehmen sich entsprechend fühlten, weil wir nicht aufgehört haben, für unsere Rechte zu kämpfen. Wir haben auf jeden Angriff möglichst schnell reagiert. Wir waren ganz oft im Kuratorium der Freien Universität oder auf Protesten vor Parteitagen der SPD. Und wir haben andere Tochterunternehmen des Landes Berlin besucht. Schnelle Kommunikation und Vernetzung waren der Schlüssel.

Was würden Sie anderen Beschäftigten raten, die gerade ebenfalls für »gleiches Geld für gleiche Arbeit« kämpfen?

An einem Tochterunternehmen der Charité laufen derzeit harte Angriffe auf gewerkschaftlich aktive Kollegen. Aber ich bin mir sicher, dass die Berliner sich auf die Seite der Kollegen stellen werden. Denn diese Methoden machen einfach krank. Also mein Rat wäre: Vernetzt euch und beschränkt den Arbeitskampf nicht auf den Betrieb.

Ronald Tamm ist Arbeiter in einem Tochterunternehmen des Botanischen Gartens und Botanischen Museums Berlin-Dahlem. Er ist Mitglied der dortigen ver.di-Betriebsgruppe

 

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